„Viel hilft viel“ – Was für ein Unsinn!

Jurte Kirgistan

Langsam öffne ich meine Augen und lasse den Blick durch die Jurte schweifen. Der Wind schlägt den Eingang in einem lustigen Rhythmus auf und zu und muss mich geweckt haben. Die Sonne lacht mir sanft zu und der erfrischende Duft des Sees steigt mir in die Nase. Was für ein perfekter Morgen.

Seit 10 Tagen reise ich nun durch Kirgistan, mitten in Zentralasien und erforsche gemeinsam mit meiner Frau ihre Familiengeschichte. Ihre gesamte Kindheit hat sie in dieser wunderschönen Natur erlebt. Das Gebirge ragt direkt vor dem Küchenfenster bis zu 7.000m in die Höhe, überall wachsen köstliche Früchte und einer der weltgrößten Bergseen liegt direkt vor der Haustür. Dennoch dauert es 7 lange Jahre, bis wir hier herkommen.

Brauchst du die 80 Stunden Woche wirklich?

Im Liegen schweifen meine Gedanken zu meiner alten Firma. Ich habe die 80 Stunden Wochen geliebt, war morgens der Erste und abends der Letzte im Büro. Dennoch frage ich mich gerade, ob ich das Wichtigste nicht auch in 10 Stunden geschafft hätte. Warum habe ich nicht einfach Gas gegeben und bin dann direkt hierher gekommen?

Aber eigentlich war Geschwindigkeit nicht das Problem, denn ich war immer schnell unterwegs, immer gehetzt, immer mit mehreren Leuten gleichzeitig im Gespräch. Urlaube habe ich mir nicht gegönnt. Das stand mir nicht zu. Erst die Firma zum Erfolg führen und dann kaufe ich mir gleich eine ganze Insel. Nur soweit sollte es gar nicht mehr kommen.

Kurz vor dem Abflug nach Kirgistan spreche ich noch mit ein paar Unternehmern, die sich in sehr ähnlichen Situationen befinden. Das Konto ist leer, ein wichtiger Mitarbeiter hat gekündigt, das Projekt muss noch schnell fertig werden, der Erfolg muss ausgebaut werden und dann, dann geht es los. Einer hat seit 7 Jahren keinen Urlaub mehr gemacht und erscheint jeden Tag der Woche im Büro. Wochenende gibt es nicht. Urlaub will er unbedingt auch mal wieder machen, aber gerade sieht es nicht so gut aus. Wie ich das nur schaffen würde?

Immer wieder höre ich von diesen Leuten: Selbst und ständig muss gearbeitet werden, denn viel hilft viel. Ich halte das für absoluten Schwachsinn! Wer diesen Rat befolgt wird niemals dauerhaften Spaß am Unternehmersein finden.

Pausen sind für echtes Wachstum verantwortlich

Im Sport ist es dahingegen schon lange bekannt: Der Muskel wächst in der Ruhephase. Wer jeden Tag hart trainiert verschwendet seine Kraft und hat am Ende nichts davon. Natürlich muss der Muskel im Training hart beansprucht werden. Aber ohne Pause, kein Wachstum.

In den verschiedensten Religionen ist es auch bekannt: Einen Tag in der Woche gilt es eine Pause einzulegen. Die Arbeit darf ausgesetzt werden, sechs Tage reichen auch aus und am Ruhetag steht die Beziehung im Vordergrund. Zeit mit Familie, Freunden und sich selbst zu verbringen, bringt das notwendige Gleichgewicht ins Leben und lässt dich länger leben.

Tagein, tagaus gab ich alles für die Firma. Investoren wurden an Bord geholt, das Marketing neu aufgesetzt, neue Mitarbeiter rekrutiert, andere sind wieder gegangen. Zwischendurch noch ein Relaunch der Webseite und schon wieder ist ein Monat rum. Wir waren mit Vollgas unterwegs, finanziell gut ausgestattet, voll motiviert und dennoch mussten wir Insolvenz anmelden. Was war passiert?

Ohne Fokus verlierst du irgendwann alles

Wir haben es ganz einfach übertrieben. Ich hatte zu wenig Abstand, um das Geschäft sinnvoll zu führen. Ich hatte auch zu wenig Energie, weil ich ständig mit dem Unternehmen beschäftigt war. Kein Sport mehr, keine Pausen und schlechte Ernährung: Mit der Zeit verlor ich meinen gesamten Fokus.

In all der Aufregung hatten wir die Frage wer unsere Produkte eigentlich kaufen sollte, immer weiter nach hinten geschoben. Wir hatten perfekte Strukturen aufgebaut, aber die Grundfragen blieben unbeantwortet. Viele schlaue Menschen haben uns auf dem Weg begleitet und keinem ist etwas aufgefallen. Alle waren von dem Potenzial der Idee gebannt und gemeinsam liefen wir kopflos auf den Abgrund zu.

Der Erfolg kommt nach der Krise

Nach der Pleite bin ich das Thema neu angegangen. Da meine Batterien sowieso leer waren, fiel es mir nicht schwer meine Arbeitszeiten stark einzuschränken. Das Wochenende war plötzlich wirklich zum Wochenende geworden und manchmal war ich um 13 Uhr einfach mit der Arbeit fertig. Nach nur 4 Monaten stand mein altes IT-Agenturgeschäft besser da als je zuvor. Auf die harte Tour habe ich gelernt, dass viel eben nicht viel bringt und, dass ich meine Zeit lieber weise einsetzen sollte.

Das Leben ist natürlich keine Perfektion, denn plötzlich musste ich eine ganz neue Erfahrung machen. Mir war stinklangweilig. Das war mir bis dahin völlig unbekannt. Es ist irgendwie komisch, wenn du versuchst spontan mit deinen Freunden ein Treffen auszumachen und von überall her hörst du nur: „Sach ma, andere müssen vielleicht auch arbeiten!?“ Seitdem habe ich einige Hobbies wieder aufleben lassen, habe mit dem Angeln begonnen, mir eine Simson Schwalbe zum Umbauen gekauft und gehe regelmäßig klettern.

In den letzten Jahren habe ich meist 3 Monate pro Jahr Urlaub gemacht und konnte am Ende jedes Jahres immer feststellen: Was ich mir in diesen Ruhephasen überlegt habe, ist auch tatsächlich in Erfüllung gegangen. Alle wichtigen strategischen Entscheidungen sind dann gefallen, wenn ich nicht im Büro vor dem Bildschirm saß.

Hol dir deine Freiheit wieder zurück!

Die folgenden drei Herausforderungen sollen auch dir deine Freiheit wieder zurückgeben. Ich pflege diese Rituale nun schon eine ganze Weile und bin überzeugt, dass sie entscheidend zu meinem Erfolg beigetragen haben. Probiere es mal konsequent für vier Wochen aus und ich bin sicher, dass du ganz neue Energien zur Verfügung haben wirst.

1. Eine Stunde pro Tag ist selbstbestimmt in deiner Hand. Da darfst du machen was du willst, ohne Mitarbeiter, Partner, Kinder oder sonst was. Mein Coach sagt immer, wer das beherzigt, braucht nie mehr Urlaub…

2. Einen Tag pro Woche machst du frei. Such dir einen festen Tag aus und bleib dabei. Am einfachsten finde ich das am Wochenende, weil da die anderen Firmen auch dicht haben. Samstags wirst du mich nie arbeiten sehen oder telefonisch erreichen.

3. Ein Tag pro Monat ist dein Solo-Tag. Trage einen ganztägigen Termin im Kalender ein, setze dich ins Auto und fahre irgendwo ins Grüne. Dein Handy lässt du im Auto liegen, sodass du den ganzen Tag an deiner Strategie weiterarbeiten kannst. Reflektiere die letzten Wochen und überlege dir die nächsten Schritte für dein Geschäft und für dich persönlich.

 

Ich wünsche dir viel Spaß bei den Herausforderungen und dass du langfristigen Spaß an deinem Unternehmen hast! Lass mich gerne wissen welche Erfahrungen du damit machst – Entweder hier als Kommentar oder per Mail an abenteuer@berndhauser.de

4 Kommentare für “„Viel hilft viel“ – Was für ein Unsinn!”

  • Bernd Mutschler

    Wie Recht Du hast – sehr gut formuliert!

  • Vincent

    Super wichtige Prinzipien. Danke für den Post!

  • Elli

    Danke, dass du uns an deinen Erfahrungen teilhaben lässt. Super hilfreiche Tipps!

  • Christian Kallis

    Es sind Kleinigkeiten wie die Pausen, die uns die Luft zum Atmen geben. Zeit zum Nachdenken verhindert meistens unüberlegtes Handeln.
    Es ist eigentlich schade in unserer Gesellschaft, dass wir durch bittere Erfahrungen solche Prinzipien uns wieder mühsam erarbeiten müssen, obwohl sie eigentlich zum Standard des Menschen von jeher gehören.
    Daher Daumen hoch, egal wer es ausprobiert. Bleibt dran, ihr könnt nur gewinnen.

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Bernd Hauser

Bernd hat zwei IT-Unternehmen aufgebaut und eine GmbH-Insolvenz hinter sich. Dabei hat er selbst erlebt, wie wichtig der regelmäßige Abstand zum eigenen Unternehmen ist. Er bringt andere Unternehmer gerne zusammen und regt den Austausch an, um für Bestärkung und einen klaren Durchblick zu sorgen. Für seine Touren wählt der leidenschaftliche Outdoorfan grundsätzlich Orte, an denen sich Naturerleben mit dem passenden Maß an Action verbindet, um den Männern neue Inspiration zu schenken.

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